Zu wenig Ingenieure in Berlin
Berliner Morgenpost, 11.2006
Die Wirtschaft der Hauptstadt boomt. Den Unternehmen fehlen Fachkräfte.
Den Industrieunternehmen in und um Berlin fehlen Ingenieure. Wegen der guten Konjunktur in Deutschland füllen sich in vielen Berliner Unternehmen die Auftragsbücher. Viele wollen neues Personal einstellen, bekommen aber keine Fachkräfte. Ähnlich geht es Firmen in den anderen 15 Bundesländern.
"Der Ingenieurmangel macht sich inzwischen nicht nur bei den großen Industrieunternehmen bemerkbar, sondern auch schon bei den mittelständischen Betrieben", sagt Wolf Kempert, Vorstandsmitglied des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) Berlin-Brandenburg. Die Suche nach geeignetem Personal dauert länger als früher.
"Wir brauchen Ingenieure, und der Markt ist leer gefegt", klagt Michael Haidinger, neuer Chef von Rolls-Royce Deutschland. Die Luftfahrt-Branche ist im Aufschwung, am Standort Dahlewitz soll die Triebwerkproduktion auf 500 Stück verdoppelt werden. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Studenten in Ingenieurfächern zum teil kräftig gesunken, heute fehlen Nachwuchskräfte. "Ein Ausbildungssystem kann nicht dauerhaft eine so große Menge von Ingenieuren vorhalten, wie wir jetzt brauchen", weiß auch Haidinger.
"Wir haben derzeit neun offene Stellen für Fertigungsplaner und Triebwerksentwickler", sagt Jutta Platen, Personalreferentin bei Rolls Royce, die vergangene Woche auf der Firmenkontaktmesse "Bonding" in der TU Berlin Ausschau nach ausgezeichneten Studenten hielt. Gesucht werden in erster Linie Ingenieure aus der Luft- und Raumfahrt, die bereits Berufserfahrung haben, um sofort die neuen Produktionsaufträge koordinieren zu können.
Der Bahntechnikhersteller Stadler stockt die Belegschaft im Pankower Werk um mindestens zehn Beschäftigte auf. Zurzeit sind dort 400 Mitarbeiter beschäftigt. Gesucht werden vor allem Elektrotechniker, weil für die neuen Elektro-Loks Flirt und Vario viele Bestellungen eingegangen sind. Auch hier sind Fachkräfte mit Erfahrung am begehrtesten. Auch die Ingenieure, die als Werkstudent bei Stadler gearbeitet haben, werden in der Regel übernommen.
Insgesamt planen nach der jüngsten Konjunkturumfrage der IHK Berlin 27 Prozent der befragten Firmen, ihr Personal in nächster Zeit aufzustocken (gegenüber 18 Prozent, die entlassen wollen). "Dieser positive Trend spiegelt sich auch in einem Zuwachs der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berlin im ersten Halbjahr 2006 wider", stellt die IHK fest.
Die Hochschulen können den Ingenieur-Engpass mit Hauruck-Aktionen allerdings auch nicht aus der Welt schaffen. An der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Karlshorst bewegt sich die Absolventenzahl an Ingenieuren in diesem Jahr auf dem gleichen - zulassungsbeschränkten - Niveau der Vorjahre: 40 diplomierte Elektrotechniker, 100 Bauingenieure und 40 Maschinenbauer. "Aber der Trend scheint deutlich", sagt FHTW-Sprecherin Gisela Hüttinger. "Wir haben deutlich steigende Bewerberzahlen in allen Ingenieurstudiengängen und auch leicht steigende Studierendenzahlen." Derzeit studieren an der FHTW 1200 Studenten für einen Ingenieur-Abschluss.
Mitunter wird für die Unternehmen die Personal-Notlage so groß, dass zu unkonventionellen Lösungen gegriffen wird. "Es gibt Firmen, die holen ihre 63 Jahre alten ehemaligen Mitarbeiter wieder aus dem Vorruhestand zurück", berichtet Kempert vom VDI. Auch Reinhard Uppenkamp, Chef des expandierenden Pharma-Unternehmens Berlin Chemie, telefoniert regelmäßig mit seinen Betriebsrentern, unter ihnen erfahrene Chemie-Ingenieure. "Wenn ich merke, dass es ihnen im Ruhestand zu langweilig wird, habe ich kein Problem, ihnen eine neue Mitarbeit anzubieten."

