Ingenieure im Mittelstand

In klein- und mittelständische Unternehmen ergeben sich für Ingenieurinnen und Ingenieure andere, aber nicht weniger gute Karrierechancen als in den großen Konzernen. Denn Mittelstand ist ein weit gefasster Begriff und die Definition nach der Unternehmensgröße oder nach der Funktion des geschäftsführenden Firmeninhabers sagt nicht unbedingt etwas aus über das Niveau der technischen Aufgaben, die internationale Ausrichtung oder die Qualität der Managementstrukturen. Typische – und manchmal klischeehafte - Merkmale des Mittelstandes können sowohl positiv als auch negativ empfunden werden. Woran soll man sich also orientieren?

“In Großbetrieben können sich Ingenieure einfach viel besser spezialisieren, während sie in kleineren Unternehmen schnell eine große Breite an unternehmerischen Aufgaben kennen lernen, die weit über das technische Fachgebiet hinausgehen”, erklärt Wolfgang Kempert von der Deutschen Gesellschaft für Mittelstandsberatung mbH (DGM) in Berlin. Gerade Ingenieure, die sich mit dem Gedanken tragen, später in die Selbständigkeit zu wechseln - als Nachfolger an der Unternehmensspitze oder als Gründer – könnten sich auf diesem Weg das notwendige Know-how aneignen, betont Kempert.

In vielen Fällen prägen die Inhaber weitgehend die innere Struktur ihres Unternehmens. Der “Chef” entscheidet meist selbst über die notwendigen Ausgaben, auch im kleineren Rahmen, ist oberster Verkäufer und der entscheidende Key-Kunden-Kontakter. Eine transparente Strategieorientierung und entsprechendes Kostenmanagement fehlt somit häufig, wichtige Entscheidungen werden “aus dem Bauch heraus” getroffen. Somit läuft auch die Nachwuchsförderung über die persönliche Schiene, beim Thema Aus- und Weiterbildung oder der Leistungsbeurteilung besteht in der Regel ein großer Nachholbedarf.

Jungingenieure sollten nach Möglichkeit zunächst einige Jahre in einem Großunternehmen verbringen, weil sich dort unvergleichliche Chancen für die weitere persönliche Entwicklung ergeben. “Dort durchlaufen sie Trainingsprogramme, die sich kleinere Unternehmen einfach nicht leisten können”, rät Wolfgang Kempert.

Bauingenieur Friedrich Nothacker denkt jedoch an seine Zeit bei einem inzwischen Pleite gegangenen großen Baukonzern eher mit gemischten Gefühlen zurück. Die Entscheidung zur Fahrion Engineering nach Kornwestheim zu wechseln - einem kleinen Unternehmen mit ca. 100 Mitarbeitern, das sich mit Fabrikplanung beschäftigt – war auch vor diesem Hintergrund eine bewusste Entscheidung, zumal der Arbeitsmarkt für Bauingenieure im Moment auch nicht viele Wahlmöglichkeiten lässt.

Von der Akquisition, über die Präsentation bis zu den Auftragsverhandlungen ist der 31-jährige nun an allen Phasen eines Projektes beteiligt. “Ich entwickle mich hier zu einem echten Generalisten. Die Bandbreite der Aufgaben, die Themenvielfalt ist größer. Und ich habe in den letzten zwei Jahren mehr Auslandserfahrung sammeln können als im Großkonzern”, berichtet Nothacker, der zukünftig verstärkt Managementaufgaben übernehmen möchte.

Grundsätzlich lohnt es sich  für Ingenieure, bei den mittelständischen Unternehmen genauer hinzuschauen, denn es gibt einiges zu entdecken. Beispielsweise einen echten Global-Player wie die Sennheiser electronic GmbH -  Hersteller von Kopfhörern, Mikrofonen und drahtlosen Kommunikationssystemen  - mit Sitz in Wedemark am Südrand der Lüneburger Heide. “Wir sind ein kleines mittelständisches Unternehmen, mit allem was dazu gehört”, betont Marketing- u Vertriebsleiter Rolf Meyer und meint damit unter anderem auch das Problem, junge, geeignete Mitarbeiter zu finden.

Der Standort in der Provinz schreckt viele ab und der Hinweis auf das kulturelle Angebot des nahegelegenen  Hannover ist auch nicht gerade hilfreich. “Wenn die Jungingenieure dann aber doch zu uns kommen, haben sie innerhalb von 18 Monaten gebaut, zwei Kinder gekriegt und kommen nicht mehr von der Scholle”, übertreibt Meyer nur ein wenig. Ein Jahr im Entwicklungslabor in Burbank bei Los Angeles ist weniger attraktiv als viele meinen. Die Bereitschaft, diesen Schritt zu wagen, war deshalb in den vergangenen Jahren ein wichtiges Kriterium, wenn Ingenieure ins Unternehmen geholt wurden, berichtet Rolf Meyer.

Sennheiser hat zwei deutsche Produktionsstandorte sowie weitere Werke in Tullamore, Irland, und in Albuquerque, New Mexico, mit insgesamt rund 1300 Beschäftigten. Karriere bei Sennheiser hat automatisch eine internationale Ausrichtung und auch der Arbeitsalltag kann mehr als spannend sein. Wird nämlich ein neues Bühnenmikrofon entwickelt, kann dies schon mal bedeuten, mit Sting drei Wochen auf Tour zu gehen, um im direkten Dialog mit dem Künstler an technischen Feinheiten zu arbeiten.

Dennoch mangelt es an Nachwuchs: “Wir müssen unsere Ingenieure erst noch nach unseren Vorstellungen formen, denn an der Uni werden sie zwar zu hervorragenden Ingenieuren, beispielsweise in der Hochfrequenztechnik, ausgebildet, aber sie sind nicht in der Lage übergreifend zu denken,” beschreibt Rolf Meyer das Problem Wie verbinde ich Hochfrequenztechnik mit wunderschönem Design und hervorragender Akustik, lautet aber eine typische Aufgabenstellung bei Sennheiser.

Der Mittelstand ist ein wahnsinniges Zukunftsfeld für Ingenieure, wenn sie flexibel und in der Lage sind, über die eigentliche Ingenieurtechnik hinaus zu denken. “Bei uns im Entwicklungsbereich werden in den nächsten zehn Jahren etwa 70 Prozent der Ingenieure in den Altersruhestand gehen. Und diese 70 Prozent wollten wir eigentlich nicht abbauen, sondern wir dachten daran, 20-30 Prozent zusätzlich einzustellen”, erklärt Rolf Meyer und glaubt, dass das Grundproblem des Generationenwechsels auf den gesamten Mittelstand übertragen werden kann.