Ausnahmesituation für gestandene Unternehmer
Berliner Wirtschaft, 05.2005
Die Gründer- und Aufbaugeneration tritt ab. Jährlich suchen etwa 70000 Unternehmer einen Nachfolger. Der Unternehmer, erfahren und mit allen Wassern gewaschen, befindet sich bei der Übergabe seines Betriebes in einer Ausnahmesituation. Die Nachfolgeregelung ist für ihn und seine Familie von existenzieller Bedeutung.
Der Unternehmer weiß, dass eine Nachfolge meist irreversibel ist und es keine Standardkonzepte gibt, da die jeweilige Einzelsituation zu komplex ist. Neben den zentralen strategischen Fragen („Ist mein Unternehmen für die Zukunft richtig aufgestellt? Schafft es der von mir ins Auge gefasste Nachfolger?“) ahnt er, dass steuerliche, rechtliche und damit finanzielle Belastungen auf ihn und sein Unternehmen zukommen.
„Todsünden“ und Risiken
Die vielen Schwierigkeiten, die entstehen, wenn der „Alte vom Hof“ soll, sind allgemein bekannt. Vier „Todsünden“ spielen eine zentrale Rolle: Da gibt es zum einen das Nicht-Loslassen-Wollen – die Übergabe wird immer wieder hinausgezögert („Ich bin doch erst 70, fünf Jahre gehen noch!“). Auch eine ausgeprägte Einzelkämpfermentalität ist kontraproduktiv („Ich habe mein Geschäft ohne fremde Hilfe aufgebaut, genauso werde ich auch die Übergabe schaffen. In die Karten schauen lasse ich mir ohnehin nicht.“) Zum anderen erweist sich eine Haltung nach dem Motto „Ohne mich geht gar nichts“ oder „Keiner weiß so viel wie ich“ als Hemmschuh - denn oft ist die Organisation dann allein auf den Patriarchen zugeschnitten und eine zweite Führungsebene fehlt völlig.
Gefährlich ist schließlich auch ein schleichender Substanzverzehr: Vor der Übergabe wird nichts mehr investiert, Technik und Mitarbeiter sind überaltert, Steuern werden gespart um jeden Preis.
Doch selbst bei umsichtiger Planung birgt der Generationenwechsel Risiken. Das größte Risiko ist der Nachfolger selbst. Ist er geeignet? Egal ob er aus der Familie, dem eigenen Management oder von außen kommt - diese Frage wird immer die entscheidende sein.
Weitere Risiken sind die Fluktuation von Schlüssselkräften und die Zurückhaltung bei Lieferanten und Kunden – insbesondere wenn die Nachfolge zu spät angegangen wird. Finanzielle Risiken kommen ebenfalls auf den Alt-Unternehmer zu: durch Abfindungsansprüche, ausscheidende Gesellschafter, Entnahmen zur Zahlung der Erbschaftsteuer bzw. zur Abfindung von Pflichtteilsverzichten. Darüber hinaus können sich gesellschaftsrechtliche Probleme ergeben, etwa aus Pattsituationen im Gesellschafterkreis oder durch unerwünschte Gesellschafter im Erbfall.
Auf den Menschen kommt es an
Aus über 200 Unternehmensnachfolgen, die ich in den letzen 20 Jahren begleiten konnte, habe ich eine Lehre gezogen: Viele Aspekte sind für eine geglückte Nachfolge wichtig, doch der unzweifelhaft wichtigste ist der Mensch. Da ist zum einen die Person des Nachfolgers: Sofern dieser - wie bei vielen familieninternen Nachfolgen - noch nicht Unternehmer ist, muss er sich extern und intern zu einer unternehmerischen Persönlichkeit entwickeln. Unterstützung bei diesem Entwicklungsprozess kann er beispielsweise von der AUUF Akademie für Unternehmensnachfolge und Unternehmensführung erhalten. Doch auch der Manager von außen, der bisher als Angestellter durchs Leben ging, muss kurzfristig unter Beweis stellen, dass er das Zeug zum Unternehmer hat. Beurteilen muss dies zwar letztlich der Alt-Unternehmer in der ersten Zeit der Kooperation. Aber auch hier kann eine Meinung von außen hilfreich sein. Die Führungskräfte des Unternehmens, ihre Qualität und Motivation sowie die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Neuen sind weiterere Bausteine für die erfolgreiche Nachfolge.
Zukunftsfähigkeit ist wichtig
Die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens garantiert dem Abgebenden im Verkaufsfall einen fairen Preis und damit die wirtschaftliche Absicherung der Unternehmerfamilie. Im Fall der familieninternen Nachfolge sichert sie ihm den Fortbestand seines Lebenswerks. Für den Nachfolger ist der weitere Ausbau der Zukunftsfähigkeit durch eigene oder gemeinsam mit dem Management entwickelte Geschäftsstrategien der sicherste Schritt in die unternehmerische Zukunft - wenn der Alt-Unternehmer dazu bereit ist, auch mit Hilfe dessen Erfahrung.

